«Das Unterengadin zeigt einen ernsteren, herberen Charakter als die oberen Talstufen; die Landschaft wird wilder, die Berge treten näher zusammen, und der Inn rauscht mit gesteigerter Kraft durch das enge Tal.»
Johann Gottfried Ebel hatte recht – und lag zugleich falsch. Tatsächlich erscheint das Unterengadin enger als das Oberengadin. Aber das Unterengadin ist mehr als das eigentliche Tal: Im Norden, gegen die Silvretta hin, erstrecken sich lange Seitentäler, und auf den Alpen und Gipfeln darüber erscheint die Landschaft weit. Und im Süden wartet seit dem frühen 20. Jahrhundert der Nationalpark, das grösste Naturschutzgebiet der Schweiz.
Das Wilde und Herbe widerspiegelt sich aber doch in mancher Sage. Wenn in anderen Sagen auch das Kultivierte aufscheint. Im Unterengadin ja besipielsweise Buchdruck. etc etc.
Ftan
Die Biene
Eine Gesellschaft von Jünglingen, die sich um die Mitternachtsstunde aus der Gemeinde Klein-Fettan (Ftan Pitschen) in die von Gross-Fettan (Ftan Grond) begaben, sahen, vom Mondscheine begünstigt, auf einer unweit der Strasse gelegenen Wiese einen menschlichen Körper auf dem Boden liegen.
Nachdem sie sich demselben genähert und ihn umgewandt hatten – denn das Gesicht lag gegen die Erde – erkannten sie in ihm ein armes altes Weib aus der Gemeinde Klein-Fettan. Da sie dasselbe für todt hielten, trugen sie es in eines der nahe gelegenen Häuser, und legten es in ein Zimmer, in welchem schnell Licht gemacht wurde.
Ganz betroffen über diesen unerwarteten Fund, sahen sie sich gegenseitig stillschweigend an, als sie in der ärmlichen Stube eine herumfliegende Biene wahrnahmen. Sie näherte sich der Leiche und flog in den offenen Mund derselben. Kaum war sie hineingeflogen, so schlossen sich die bleichen Lippen und die Alte richtete sich auf und mahnte die betroffenen Jünglinge, ihren Körper künftighin in Ruhe zu lassen, wenn ein ähnliches Ereigniss zum zweiten Male mit demselben stattfinden sollte.
Quelle: Kohlrusch, C.; Schweizerisches Sagenbuch, Leipzig, 1854
Der Mann von Muntclü
In einem Walde (Muntclü genannt, heute: Munclü), zwischen den Gemeinden Schuls (Scuol) und Fettan (Ftan), erscheint um die Geisterstunde ein Mann. Er läuft im Gehölze herum, heult und bittet kläglich um Hülfe und Rettung. Der rechte seiner Arme soll eingetrocknet und auf den Knochen der Hand soll weder Haut noch Fleisch sein. Diesen Arm streckt er vor sich hin.
Jeder, wenn’s immer möglich ist, weicht zur Nachtzeit diesem Walde aus. Man erzählt, dieser Mann habe während seines Lebens in diesem Gehölze einen Mord begangen.
Quelle: Kohlrusch, C.; Schweizerisches Sagenbuch, Leipzig, 1854
Ardez
Der Ritter von Urschai
Es geht die Sage bei Jägern und Hirten, dass sie in gewissen Zeiten der Sommermonate, wenn sie um die stille Mitternachtsstunde durch das Thal Urschai kommen, auf der Höhe des Berggipfels zuerst ein gesatteltes Pferd, weiss wie der Schnee, und dann einen Ritter, schwarz wie Kohle, erscheinen und sich auf ersteres schwingen sehen.
Pfeilschnell eilt das Pferd nun über das Gestein der zerfallenen Mauer, welche die Alpweide von Fettan (Ftan) von der von Steinberg (Ardez) scheidet, herab, und da, wo diese Scheidung eine Einbiegung bildet, öffnet sich die Erde und Pferd und Reiter verschwinden. Als Schiedsrichter soll dieser Ritter, dem die genannten Gemeinden vor uralter Zeit die Ausmarkung ihrer Alpen, um den langen Hader zu enden, überliessen, durch diese Einbiegung die Gemeinde Fettan benachtheiligt haben.
Quelle: Kohlrusch, C.; Schweizerisches Sagenbuch, Leipzig, 1854
Das weisse Pferd
Als man zwischen einzelnen Landschaften bestimmte Grenzen zog, kamen die Gemeinden Fetan (Ftan) und Steinsberg (Ardez) wegen der Theilung eines Stückes Land, nämlich der Gegend zwischen der Alp Urezas und Urschei, in Streit.
Die stärkere Partei, der Vogt von Fetan und seine Unterthanen, trugen den Sieg davon, und theilten nun das Land nach ihrem Belieben, freilich zu Ungunsten derjenigen von Steinsberg. Der Vogt liess an der Grenze eine Schanze aufwerfen, oder vielmehr eine hohe Mauer errichten; vom Rosse herab sah er hohnlächelnd der ungerechten Theilung zu. Er war Richter und seinem Spruche mussten die Steinsberger sich fügen.
Nun muss er aber fast jede Nacht um zwölf Uhr, auf seinem Schimmel reitend, zur Schanze hin, dort ein paar Male diese entlang, auf und ab reiten, dann in schnellem Trabe ins Dorf Steinsberg reiten, immer durch die gleiche Gasse, in der sein Haus gestanden, und unter den Hufen des Pferdes sprühen die Steine Funken; dann reitet er durch mehrere andere Gassen, führt dann den Schimmel zu einem Brunnen, um ihn trinken zu lassen. Hierauf setzt er sich wieder zu Pferd, sprengt den Alpweg wieder hinan, und macht, an der Mauer angekommen, seinen Ritt an derselben auf und ab, stösst zuletzt einen erschrecklichen Pfiff aus, und verschwindet.
Quelle: Kohlrusch, C.; Schweizerisches Sagenbuch, Leipzig, 1854
Zernez
Der Marchstein-Geist
Im vorigen Jahrhunderte soll die Gemeinde Cernez (Zernez) auf höchst zweideutige Art die schöne Alpe Buffalora von der Gemeinde Cierfs (Tschierv) sich angeeignet haben.
Als nämlich die neue Grenzlinie zwischen diesen genannten Gemeinden bestimmt werden sollte, war in Cernez ein Mann, welcher, hoch zu Ross, die Cierfser einzuschüchtern sich bestrebte. Diese wollten aber den Handel nicht gelten lassen, und die Marchen nicht anerkennen, bis der Reiter (wahrscheinlich der Schlossherr zu Cernez selber oder Einer der dortigen Ortsbehörde) ihnen Brief und Siegel wies, dass die Grenze die Alpe Buffalora, cernezerseits, doch noch in sich fasse. Soweit war die Sache entschieden, die Cierfser aber um die Alpe ärmer. Wie nun jede Ungerechtigkeit Sühne verlangt, je nach Bedeutung des Vergehens, muss erwähnter Reiter jetzt umgehen. -
Bald geht er traurig umher in den Wäldern, dann stürmt er oft unversehens daher, reitet aber immer nur die neue Grenzlinie entlang; in der Linken hält er Pergament und Siegel, die Rechte hat er zum Schwure erhoben. — So sprengt er auf seinem Schimmel hin und her, durch Wald und Kluft, stetsfort johlend (Halloh rufend) und heulend. Besonders bei Witterungs-Wechsel bekommen die Hirten diesen chavalgiaint da Buffalora oft zu sehen, sogar auch noch in den Schulser-Alpen, namentlich in der Alpe Schumbrinas.
Aber auch an den Cernezern hat die Übervorteilung sich gerächt, denn sie können nicht gehörigen Nutzen aus dem Boden gewinnen, indem unter den Rindern, die in Buffalora weiden, immer der »schwarze Brand« (Rindviehkrankheit) ausbricht. -
In der Tat aber sind die Kräuter in dieser Alpe viel zu kräftig für das Vieh, das die Cernezer dort oben sömmern.
Quelle: Jecklin, Dietrich; Volksthümliches aus Graubünden. 3 Teile, Zürich 1874
Guarda
Übel belohnt
In Guarda lebte ein Mann mit seiner Frau in Unfrieden. Als der einmal auf einer Bergwiese sein Heu aufladen sollte, um es nach Hause zu führen, hatte er Niemand, der ihm dabei Hülfe leistete, denn seine zänkische Frau wollte ihm nicht helfen.
Da erschien eine Diale und half ihm sein Fuder zu laden. Er hielt sie für ein gewöhnliches Weib. Als sie aber auf dem Fuder stand, bemerkte er ihre Ziegenfüsse und dachte bei sich selbsten nun sei er übel dran, der Teufel stehe auf seinem Fuder. Die Diale fragte ihn nach seinem Namen; er dachte aber, dem Teufel wolle er seinen Name nicht sagen und antwortete: »Ich selbst.« (Eug suess.) Und als das Fuder geladen war, stach er der Diale die eiserne Heugabel durch den Leib, in der wirklichen Meinung, nun habe er den Teufel umgebracht und fuhr dann rasch davon.
Die Diale liess einen durchdringenden Schmerzensschrei hören, und bald sammelte sich eine grosse Anzahl Dialen um sie herum und fragten: »Wer hat das getan?« Sie gab sterbend zur Antwort: »Ich selbst.« Da sagten die Andern: »Was man selbst tut, geniesst man selbst.« (Chi suess fà, suess giauda.) Seit dieser Zeit aber wurden in Wald und Feld keine Dialen mehr gesehen.
Quelle: Jecklin, Dietrich; Volksthümliches aus Graubünden. 3 Teile, Zürich 1874
