Sertig-Dörfli mit Hochducan, Mittaghorn und Plattenhorn, um 1910 (ETH Bildarchiv)
Sertiger Sagen
Der Davoser Pfarrer Johannes Hauri bezeichnet das Sertig um 1890 als «das Lieblingsthal der Davoser Kurgäste». Das Reizvolle und die Beliebtheit ergäben sich durch die «herrlichen Alpenwasser», durch den «grünen, von gewaltigen Kalkgipfeln umschlossenen Kessel von Sertig-Dörfli» und durch den Umstand, dass man nicht nur in zwei Stunden zu Fuss, sondern ganz bequem auch «im Bergwagen bis Sertig-Dörfli, ja noch darüber hinaus, bis in die Nähe des Sertiger Wasserfalles» fahren kann.
Zum Reiz des Tals gehört noch mehr. Die alten Bauernhäuser etwa, in denen von 1680 und 1840 in bester Handwerkskunst schmucke Holzräderuhren hergestellt wurden. Oder die reichhaltige Sagenwelt des Tals …
Die nachfolgenden Sagen sind – mit freundlicher Genehmigung – der «Davoser Revue» (Ausgabe «Sagen», 4/2022) entnommen.
Zwei Mädchen kehren vom Religionsunterricht in Frauenkirch nach Clavadel zurück. Unterwegs sagt ihnen eine Wahrsagerin: Die eine würde erschrecken, wenn sie wüsste, wie bald sie heiraten werde, und die andere erschrecken, weil sie nie heiraten würde. Und so kam es dann auch.
Hexenwerk
In Clavadel sollen eines Morgens zwei Kühe an ein und derselben Kette aufgefunden worden sein. Wie bei ähnlichen Vorfällen in anderen alpinen Gegenden vermutete man Hexenwerk als Ursache. Als man der einen Kuh ins Ohr schnitt, sah man tags drauf eine Frau mit einem Verband um den Kopf umhergehen …
Hausgeister
Fida Gadmer (1861–1951) erzählt um 1938 von ihrer Heimat Clavadel: «Früär, hed mi Muoter gseid, ischt da uf Clavadeel in jedem Hus e Geischt gsi, in ünschem e füürige Hund, wa ummer gsprung-ge isch.»
Das Totenvolk
Hinter Frauenkirch, bei den einstigen Äckern «uf em Schloss», erblickt ein Mann das Totenvolk. Eine Gestalt aus dem Zug sagt, sie müsse ein Beil einschlagen. Darauf erlahmt der Mann. Ein Jahr später begegnet der Mann dem Totenvolk erneut, dieselbe Gestalt sagt: Sie müsse ein Beil mitnehmen. Darauf konnte der Mann wieder gehen.
Im Sertig
Die Pest
Im «Wiseli» zimmerte während der Pestzeit ein Schreiner unermüdlich Särge, die er am Talweg bereitstellte. In den letzten Sarg legte er sich dann selbst hinein.
Das Totenvolk
«In der Gruoba uf em Stadel i S(e)rtig», so erzählt 1934 Andreas Gadmer (1845–1935), sei ein Bauer dem Totenvolk begegnet. «Är hei d Schällä ghörd, vili Schällä», wie wenn viele Tiere vorbei gegangen wären. «Duo hei er (der Bauer) e Zitlang‑g nümma van Heimat (vom heimatlicher Hof) törfä.»
Der Pfaffe
Im «Eggali» im Sertig traten nachts bei einem Haus ein Pfaffe und ein Geissbock in Erscheinung. Das Haus wurde abgebrochen, was mit dem Pfaffen und dem Geissbock geschah, bleibt ungewiss.
Letzte Worte
«Ich Bäusch allein» schrieb auf der «Wyti» ein Knabe auf den elterlichen Schiefertisch. Die Pest hatte seine ganze Familie dahingerafft. Nach seinen letzten Worten, er wollte wohl den Familiennamen «Büsch» schreiben, verschied auch der Knabe.
Kuhbauch und Katze
Im Wald hinter der «Engi» im Sertig rollt nachts ein Kuhbauch den Hang hinunter, ihm nach folgt eine gescheckte Katze.
Am Berg
Alp Säältenüeb
Eine Sennin wartet auf einer Alp oft vergeblich auf ihren Liebsten. Sie sagt dann: «Er mag schi säälten üäbe, da uar z’cho zu miär.» Der Liebste möge sich also selten bequemen, auf die Alp zu kommen. Dieser Ausspruch soll der Alp den Namen gegeben haben: «Alp Säältenüeb».
Der Drache vom Schwarzhorn
«Im Schwarzhoore dinna i Srtig si e Drache ghused, und da heiensch keis Veh usla törfe, sus si’s hi gsi.» So erzählte man es sich im Sertig noch um 1875. Der Drache wurde dann von einem «Ggapetschiner» (Kapuziner) in die Fluh gebannt. Gesehen habe man den Drachen anfangs noch, aber dann, um 1875, «hed ne mal bi Menschegedeiche niämed me gsenn.»
«Rüadisch Wolcha»
Einst tat im Sertig ein Heuerknecht namens Rüadi einen Fluch, weil ihm die Arbeit unter der heissen Sommersonne zusetzte. Kurz darauf zog ein Gewitter auf – und noch heute zeigt sich im Sommer zwischen Älplihorn und Schwarzfluh gern die erste unheilvolle Wolke, «Rüadisch Wolche» eben.
Die Goldader
Derselbe Kapuziner, der den Drachen in die Schwarzfluh gebannt hat (siehe oben), erzählte von einer Goldader, die vom Schwarzhorn quer durch den Talgrund bis hinauf zum Gfroren Horn reicht. Nach Gold gegraben haben danach viele, allerdings vergebens.
«Jöri Jegersch Nase»
Ein Felsvorsprung vor dem Mittaghorn habe seinen Namen von folgender Sage, so heisst es. Ein Sertiger namens Jöri ging regelmässig auf die Jagd. Das verärgerte den Berggeist, der über die Wildtiere wachte. Also sagte der Berggeist zu Jöri, dass er ihm wöchentlich einen Gamsbock ins Tal bringen werde, wenn Jöri das Jagen unterlasse. Doch dieser konnte seiner Leidenschaft nicht widerstehen, und so warf ihn der Berggeist vom nasenähnlichen Felsvorsprung in den Tod. Und darum heisst der Felsvorsprung nun «Jöri Jegersch Nase».
Chüealptal
Das Wildmannli
«Es wilts Mannli» hütet die Kühe im Chüealptal. Die Bauern wollen ihm beim Wildmannlistein ein «Häss», ein Kleid, schenken. Als das Mannli das Kleid endlich anziehen kann, sagt es stolz über sein neues Aussehen: «Was wett a so-n‑e Weidälima mid da Chuönä zweide gah!» Das Wildmannli ist darauf «numma cho». Laut Andreas Gadmer (1845–1935) soll sich diese sagenhafte Geschichte um 1870 zugetragen haben.
Der Wildmannlistein
Vom grossen Wildmannlistein eingangs des Chüealptals (siehe oben) erzählt man auch diese Sage: Ein Riese habe einst auf der Wanderung einen Stein im Schuh verspürt, den Stein aus dem Schuh geklaubt und weggeworfen. Seither stehe der grosse Wildmannlistein am Weg ins Chüealptal.